Aura 2.0 – Storytelling trifft Technologie bei Rock im Park.
Das erste Open-Air-Festival des Jahres steht an. Mit morgendlich-müden Augen stehe ich am vollgepackten Auto und freue mich mit geschnürtem Stiefel und 5 Liter Honigwein im Gepäck, die Festival-Saison 2013 beim Rock im Park in Nürnberg zu eröffnen. Große Rockbands live zu erleben, ist immer etwas anderes, als sie aus der Konserve zu hören. Live kann sich eine Band auf einen Schlag beweisen und für immer ins Gedächtnis der Crowd pflanzen. Als Künstler, der jeden Tag die gleiche Show an einem anderen Ort spielt, jeden Zuschauer von der Einmaligkeit seines Auftrittes zu überzeugen, ist aber anstrengende Arbeit. Kein Fan würde eine Performance abkaufen, die nicht hundertpro authentisch ist.
Wenn Live-Events so riesig sind wie Rock im Park mit 75.000 Besuchern, ist es dann noch „live“? Nur eine Video-Leinwand mit dem Sänger als kleinen Punkt am sonnen- und biergeblendeten Horizont zu sehen, kann doch nicht der Sinn eines Konzertes sein, oder? Die heutige Technologie macht Video-Leinwände in unheimlichen Größen, Live-Streams im Internet oder Hybrid-Events verschiedenster Formen möglich. Und die nutzt der User auch.

Und wie immer stehen Innovationen im Wechselspiel mit ihrem Umfeld. So ermöglichen neue Technologien neues Erleben und können Grenzen der Nachfrage und Marktsättigung verschieben. Nutzer entwickeln neue Bedürfnisse, die wieder weitere Technologien und Produkte fordern. Wenn eine Band so etwas berücksichtigt, müsste sie dann ihre Live-Auftritte entsprechend anpassen? Was gibt’s da überhaupt anzupassen? Man könnte eine Bühnenshow vielleicht nicht nur auf das Erlebnis vor Ort abstimmen, sondern gleichzeitig auf kraftvolle Bilder für den ständig laufenden Video-Stream. Der Künstler als Storyteller müsste sich überlegen, welche Geschichte seine Show erzählen soll und wie er wirkungsvoll alle Medien bespielen kann. Allerdings frage ich mich dann, ob durch zu viel Technik nicht das eigentliche Erlebnis flöten geht – aber wer flötet schon auf einem Open Air? Ist Kunst also noch genießbar, wenn sie schon mehrmals durch den medialen Wolf gedreht wurde? Ist in der Musik die Technologie nützlich für ein erfolgreiches Storytelling?
Auch wenn es im Jahr 1935 noch nicht „Storytelling“ hieß, fragte sich damals genau das der deutsche Philosoph Walter Benjamin. In seinem berühmten Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ stellt er die These auf, dass die Aura einer Kunst durch die Wiedergabe moderner Medien, damals Fotografie und Film, verloren gehe. Entscheidend sei, dass reproduzierte Werke nicht mehr orts- und zeitgebunden sind und somit nicht „echt“ sein können. In heutiger Zeit würde das sowohl für einen Live-Stream im Internet, als auch für die großen Video-Leinwände auf dem Festivalacker gelten, die Massenhaftigkeit und Beweglichkeit der Kunst erzeugen. Aber genau das will ich doch. Wir sind doch froh oder sogar stolz, einen Live-Stream auf dem Smartphone verfolgen zu können, während wir irgendwo in der Bahn sitzen. Außerdem wachsen wir heute sowieso multi-screen-fähig auf. Warum also überall vor Ort sein, wenn man den Ort zu sich holen kann? Benjamin schreibt auch, dass jede neue Generation ihre Sinneswahrnehmungen anpassen kann. Das erklärt vielleicht, warum heute die Generation über mir in der rasanten Welt oft nicht mehr mitkommt. So ist das also mit der Genießbarkeit von Kunst ohne Aura.
Wie ist es aber mit dem Storytelling und seiner Zeitmäßigkeit? Das lässt sich auf der Content-Ebene und auf der methodische Ebene betrachten. Da ein Song auf der Bühne derselbe ist, wie auf der CD, kann der Künstler höchstens mit seiner Live-Performance eine einzigartige Aura schaffen. Keine Veränderung also auf der inhaltlichen Ebene des Storytelling. Wenn ein mächtiges Bühnenbild oder eine gewaltige Pyro-Show dafür sorgen, dass das Live-Erlebnis auch noch in größerer Ferne erlebbar ist, dann bedeutet das, dass eine Show nicht für die Reproduzierbarkeit gemacht ist. Schließlich könnte man sich den Aufwand sparen, wenn der Künstler einfach gefilmt und auf entfernte Monitore übertragen würde. Diese Übertragung findet natürlich trotzdem statt, hat aber keine Auswirkungen auf die Methodik des Storytelling. Das einzige was passiert, ist das, was Benjamin 1935 beschrieb. Es wird ein massenhaftes Abbild des Kunstwerkes ohne seine Aura geschaffen. Klingt ernüchternd.

Bei Rock im Park u.a. dabei: Airbourne, Fritz Kalkbrenner, Seeed und The BossHoss.
Aber gleichzeitig bieten die modernen Medien jede Menge Chancen. Gerade die Verfügbarkeit von Informationen und Gütern ist in der heutigen Gesellschaft und Industrie wertvoller geworden. Erst so kann ich mich zum Beispiel an Sharing-Modellen oder Crowdfunding-Projekten beteiligen. Und für die Kunst gilt: Ein Werk und eine Aura müssen nicht mehr einmalig sein. Kinofilme oder Online-Games kreieren ihre ganz eigene Aura, die nicht nur einem einzigen Werk innewohnt, sondern von Anfang an zeitlich und örtlich ungebunden ist – eine Aura 2.0 sozusagen. Durch technische Innovationen ist die Kunst eben einem Wandel unterworfen. Und der kann bedeuten, dass eine transportierbare Aura erschaffen wird, die mich in ihren Bann zieht, ohne dass ich an einen bestimmten Ort kommen muss. Das Rock-Festival war jedenfalls genial – es gab Live-Musik vor Ort und die Aura 2.0 muss ich nicht auf dem Rasen vor der Bühne lassen, sondern kann sie mit nach Hause nehmen. Technologie macht’s möglich.





