Muscheln, Münzen, Minuten
Dass Enzyklopädien durch das Internet abgelöst werden können, kann man sich ohne Probleme vorstellen. Dass das Schreiben von Briefen durch das Internet zur Seltenheit wird, auch. Aber eine Welt ohne Geld?
Zeit als Währung.
“Zeit ist Geld” sagt der Volksmund und das ist auch das Grundprinzip des Time Banking – ein System des gegenseitigen Austauschs von Dienstleistungen auf Basis der Währung Zeit. Oder anders gesagt, ein alternatives Wirtschaftssystem ohne Geld, das auf den Werten Teilen, Helfen und Zusammenarbeiten basiert.
Auch wenn das Internet Time Banking wesentlich vereinfacht und ganz neue Reichweite dafür geschaffen hat, ist die Idee, Zeit als Währung einzusetzen, schon wesentlich älter. Bereits kurz nach der Industriellen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts wurden parallel in den USA und in Großbritannien erste Ansätze dazu entwickelt. Als Urvater der Idee kann man zum einen den amerikanischen Anarchisten Josiah Warren, der 1827 den “Cincinnati Time Store” ins Leben gerufen hat, bezeichnen, aber auch den britischen Industriellen und Philanthropen Robert Owen, der als früher Verfechter der Theorie die utopistische Gemeinschaft “New Harmony” gegründet hat. Brauchte man damals noch eigens gedruckte Banknoten und Getreide-Rationen als Vergleichswert für das “Zeit-Geld”, so funktioniert Time Banking heute durch diverse aufstrebende Online-Plattformen komplett virtuell und immer öfter sogar standortunabhängig.
Der digitale Trend.
Aus dem System der organisierten Nachbarschaftshilfe hat sich über das Web eine Bewegung entwickelt, die immer stärker zum Trend avanciert: Auf einem virtuellen Konto sammelt man Stunden durch das Erbringen von Leistungen wie Babysitting, Nachhilfe, Grafikdesign, Übersetzungsarbeiten, Waschmaschinen reparieren etc. Diese Stunden können gleichwertig für andere in der Community angebotenen Leistungen eingelöst werden. Dabei gibt es keinen Unterschied in der Wertbemessung zwischen den einzelnen Leistungen: Eine Stunde ist eine Stunde, egal ob man sie sich durch das Ausführen von Hunden oder durch einen Spanisch-Kurs verdient hat. Gelungene Beispiele für solche Online-Communities sind “Zumbara” in der Türkei, die Time Bank von “e-flux” oder “justXchange”, aber beispielsweise auch der Erfolg der Beherbergungsplattform Couchsurfing basiert auf diesem Prinzip des gegenseitigen geldlosen Austausches von Leistungen. Diese Beispiele zeigen, dass Demokratisierung und Kooperation, als Symptome des Phänomens Web 2.0, nicht nur abgekapselt in der rein virtuellen Welt passieren, sondern auch ein Bindeglied zwischen dem virtuellen Raum und der realen Welt bilden können: Die Vernetzung passiert zwar online – der Austausch der Leistungen kann sowohl virtuell als auch von Angesicht zu Angesicht stattfinden.
Occupy Volkswirtschaft.
Bisher bestimmte die globale Marktwirtschaft, was Arbeit ist, wer Arbeiten darf und wie viel Arbeit wert ist. Time Banking schafft es, im Rahmen eines volkswirtschaftlichen Mikro-Kosmos diese gesetzten Regularien und Grenzen aufzuweichen und sogar aufzuheben. Beim Time Banking kann jeder seine Leistungen anbieten. Was alles als Leistung angeboten werden kann, bleibt den Mitgliedern selbst überlassen und die Vergütung erfolgt gleichberechtigt.
Wer weiß, ob dieses System irgendwann das erfolgreichere sein wird – zumindest zeigt es in Zeiten der Euro-Krise eine interessante, wenn vielleicht auch utopisch anmutende, Alternative mit einem neu belebten Wertekodex.




