Another brick in the wall

1980 Dortmund, Westfalenhalle – 1990 Berlin, Potsdamer Platz – 2011 Berlin, O2 Arena – die Zeiten, die Band, die Umstände, die Orte ändern sich. Doch zwei Dinge bleiben gleich: das Publikum und „The Wall“. Am 15./16. Juni 2011 zog Roger Waters in der O2 Arena – direkt an der East-Side-Gallery, dem berühmten Rest des ehemaligen Grenzstreifens – erneut seine Mauer hoch. Nach knapp 90 Minuten einer imposanten und einzigartigen Show ließ er sie wieder zusammenfallen. Gigantisch.
Am 7. Februar 1980 fand in Los Angeles die Uraufführung von „The Wall“ als Mammutveranstaltung statt. Wegen des unglaublich aufwändigen und teuren Bühnenaufbaus konzentrierte man sich auf die Städte New York City, Los Angeles, London und Dortmund. Dort bleib man mit der Show gleich für mehrere Abende vor Ort. Nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989 wurde „The Wall“ am 21. Juli 1990 auf dem Potsdamer Platz nochmals aufgeführt. Vor ca. 450.000 Leuten. Dadurch ist bis heute „The Wall“ das einzige Konzert, das auf einer Bühne stattfand, die sich über zwei Staaten erstreckte.
Auch heute – über 30 Jahre nach der Veröffentlichung des Albums am 30. November 1979 – geht es bei Roger Waters um die Überwindung von Ängsten und um Isolation. Und auch das Publikum scheint sich nicht verändert zu haben – klar äußerlich gealtert, aber bei genauem Hinschauen haben sie immer noch den Flower-Power-Gedanken aus den 70ern verinnerlicht. Bei einigen hat man das Gefühl, dass sie die Zeitreise mitgemacht haben und bei allen wichtigen Aufführungen der letzten 30 Jahre dabei waren. Und auch bei Woodstock …
Stein auf Stein. Immer höher und bedrohlicher wird “The Wall” zusammengesetzt bis die Band dahinter verschwindet. Es kreisen Scheinwerfer umher und Sirenen heulen. So sieht der Mauerbau in Roger Waters Rockoper aus: “Fear builds walls.” Angst baut Mauern. Diesen Satz wiederholt das Gründungsmitglied von Pink Floyd oft. Und die drei Worte erscheinen auch während der Aufführung in roten Buchstaben.
Bei „The Wall“ geht es um einen Mauerbau von innen. Die Mauer ist weiß und setzt sich aus Pappziegeln zusammen. Sie bietet die perfekte Projektionsfläche. Fotos und Videos werden auf ihr abgespielt. Fotos, die Soldaten und Zivilisten aus aller Welt zeigen. Auch Roger Waters Vater, der im Zweiten Weltkrieg starb. Das ist ein Grund, warum die Show auch autobiografisch interpretiert wird. Die düstere Geschichte handelt vom Rockstar „Pink“. Sein Leben wird geprägt von einer erdrückenden Mutter, einem strengen Lehrer und einer untreuen Ehefrau. Auf der Bühne sind sie aufgeblähte Riesenpuppen. In der Mauer sind sie Steine, die nach und nach gesetzt werden.
„The Wall“ ist die perfekteste Live-Inszenierung, die es je gab. Man wird in den Bann eines gigantischen, pausenlosen und dreidimensionalem Super-Power-Clips gezogen und dabei umhüllt von einem glasklarem, pinkfloydtypischen Sound. Es ist die größte Rockshow – „The Wall“ ist ein lebendiges Bühnen-Monster. Alles andere ist Kindergarten. Selbst Bühnengrößen wie die Stones oder Genesis mutieren zu Bühnenzwergen. Bei „The Wall“ stimmt jedes Detail. Ich selbst habe schon hunderte Bands auf Bühnen gesehen, aber noch keine solche Inszenierung. Es war einfach unglaublich, wie geschickt und gleichzeitig mannigfaltig und facettenreich die Konzertbühne bespielt wurde. Da bleibt einem die Spucke weg und die Augen permanent aufgerissen. Wie bei einem kleinen Kind, das zum ersten Mal vor einem Weihnachtsbaum steht. Überwältigt.
Bekannte Musik gepaart mit neuen Sensationen: Clips, Explosionen, Kinderchöre, aufblasbare Monster-Mütter, marschierende Hämmer – man kommt, etwa knapp 90 Minuten lang, aus dem Staunen nicht mehr heraus. Alle Superlative sind als Beschreibung zu schwach: man muss es gesehen, nein erlebt haben. Ein Wermutstropfen bleibt jedoch: Musikalisch bleibt nur sehr wenig Raum für Überraschungen. Bei dieser auf die Sekunde durchgetimten Show bleibt kein Raum für Improvisationen – im Gegensatz zur eigentlichen Idee von Live-Konzerten. Und die Band war leider nicht Pink Floyd. Man vermisst David Gilmour, der durch 3 (!) Gitarristen (die alle sehr gute Musiker sind, aber nicht die Pink Floyd DNA im Blut haben) ersetzt wurde, gleich an mehreren Stellen. Kleines Geschmacksmuster gefällig wie es klingt, wenn David Gilmour und Roger Waters gemeinsame Sache machen (bei der gleichen Inszenierung im Mai 2011 in der O2 Arena in London): HIER KLICKEN
Es war vor 30 Jahren, als Pink Floyd die Uraufführung von “The Wall” feierte. Es war vor 50 Jahren, als in Ost-Berlin der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz sagte: “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.” Zwei Monate später stand sie. Ebenfalls als Sinnbild einer Angst – vor einer Massenflucht gen Westen. Am 9. November 1989 fiel sie dann, die Berliner Mauer. So wie jede Mauer irgendwann einmal fallen wird, wenn ihre Zeit gekommen ist.




